Hab ich dir doch gesagt!
- Simone Kunze
- 14. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Ein Satz, der harmlos klingt – und doch so viel anrichten kann.

„Hab ich dir doch gesagt.“
„Ich habe es kommen sehen.“
Wie oft hast du diesen Satz selbst schon gesagt?
Und wie oft wurde er dir schon gesagt?
Und viel wichtiger:
Was hat dieser Satz in dir ausgelöst?
Für mich ist „Hab ich dir doch gesagt“ kein neutraler Kommentar.
Es ist ein Vorwurf.
Zwischen den Zeilen steht immer dieselbe Botschaft:
Warum hast du nicht auf mich gehört?
Und genau das macht diesen Satz so problematisch.
Denn ehrlich betrachtet können wir ihn fast immer nur mit „Ja“ beantworten.
Dieses „Ja“ ist keine Einsicht.
Es ist eine Bestätigung von Schuld.
Eine Bestätigung dafür, dass wir es eigentlich geahnt haben.
Dass wir wussten, dass etwas schiefgehen könnte.
Dass wir uns vielleicht selbst nicht genug vertraut haben.
Und genau hier wird dieser Satz bedrohlich.
Nicht laut.
Nicht aggressiv.
Sondern subtil.
Er stellt eine Hierarchie her:
Einer weiß es besser.
Der andere steht im Nachhinein als derjenige da, der versagt hat.
Dieser Satz nimmt uns nachträglich die Würde.
Er ist kein Ausdruck von Mitgefühl, sondern von Überlegenheit.
Er wird oft genau dann gesagt,
wenn jemand ohnehin schon verunsichert ist.
Wenn etwas nicht funktioniert hat.
Wenn Enttäuschung, Zweifel oder Schmerz bereits da sind.
Statt Halt zu geben, verstärkt er das innere Ringen.
Statt zu begleiten, wird bewertet.
Das aktiviert Scham.
Und Scham macht klein.
Sie macht stumm.
Und sie macht wütend.
Hilft dieser Satz?
Nein.
Unterstützt er?
Auch nicht.
Gerade zum Jahresanfang ist er wieder überall.
Viele Menschen starten mit guten Vorsätzen ins neue Jahr.
Man teilt Pläne, Hoffnungen, Ziele.
Und wenn es dann nicht sofort klappt, fällt schnell ein Satz wie:
„Ich habe doch gewusst, dass das nichts wird.“
Ich empfinde das als abwertend.
Besonders dann, wenn dieser Satz von Menschen kommt,
die selbst keine Ziele verfolgen oder sich an ihre eigenen Vorsätze auch nicht halten.
Fehler sind keine Beweise für Unfähigkeit.
Fehler sind Erfahrungen.
Und Erfahrungen haben immer mehrere Seiten –auch positive.
Man lernt.
Man justiert nach.
Man wächst.
Wie anders würde es sich anfühlen, stattdessen zu hören:
„Ich habe gesehen, dass du es versucht hast.“
„Vielleicht bist du heute gescheitert – aber du hast dein Ziel nicht aus den Augen verloren.“
„Manches geht schnell. Manches braucht Zeit.“
Das ist kein Schönreden.
Das ist Würde.
Denn Entwicklung braucht keine Vorwürfe.
Sie braucht Ermutigung und Raum.
Und vielleicht ist genau das der Punkt:
Nicht alles, was wir kommen sehen, müssen wir auch aussprechen.
Manchmal ist Schweigen hilfreicher, als Recht zu behalten.



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